Interviews Wohnen & Einrichten

Wie veganes Interior Design Ethik und Ästhetik neu verbindet

Ein Raum ist nie nur ein Raum. Er ist Material, Herkunft, Entscheidung und Haltung, ein Spiegel dessen, wie wir leben und wofür wir stehen. Nachhaltigkeit im Interior Design bedeutet längst mehr als ressourcenschonende Materialien. Sie fordert, Verantwortung, Ästhetik und Materialbewusstsein neu zusammenzudenken. Doch was heißt es, Innenarchitektur nicht nur ökologisch, sondern konsequent vegan zu gestalten? Welche ethischen, gestalterischen und materialtechnischen Fragen stehen dahinter?

Veganes Interior Design geht weit über den Verzicht auf Leder, Wolle oder Seide hinaus. Es hinterfragt Lieferketten, prüft Klebstoffe, denkt Füllmaterialien neu und bezieht Kreisläufe von Anfang an mit ein. Für das Lilli Green Magazin spricht Martina Thielecke von TiNA THiEL INTERIORS über ihren Weg vom nachhaltigen Interior Design zur klaren Spezialisierung auf vegane Innenarchitektur, über innovative Materialien, Circular Design und die Frage, wie aus weniger schädlich tatsächlich regenerativ werden kann.

Interview mit Martina Thielecke von TiNA THiEL INTERIORS

Du arbeitest seit vielen Jahren als Interior Designerin, zunächst mit Nachhaltigkeitsfokus, nun explizit mit Spezialisierung auf veganes Interior Design. Was hat diese Entwicklung ausgelöst? War es eine konsequente Weiterführung oder ein bewusster Perspektivwechsel?

Die Entwicklung zur veganen Innenarchitektur spiegelt meinen eigenen Weg zur Veganerin wider: Zuerst stand Nachhaltigkeit im Fokus, dann der Verzicht auf tierische Produkte. Nach 16 Jahren veganem Lifestyle war es für mich unmöglich, Ledersofas zu planen. Es begann mit lederfreien Alternativen, gefolgt von veganen Farben und Materialien, bis hin zu nachhaltigen Klebern für Möbel und natürlichen Basismaterialien für Teppiche. So erreiche ich immer tiefere Ebenen des Veganismus, forciert durch Kundennachfragen und ethische Konsequenz.

Wie definierst du „veganes Interior Design“ jenseits des bloßen Verzichts auf Leder, Wolle oder Seide? Welche ethische und gestalterische Haltung steht für dich dahinter?

Veganes Interior Design verbindet für mich Ethik und Nachhaltigkeit. Jenseits des bloßen Ersatzes von Leder oder Wolle durch Kunststoffe setze ich auf innovative Materialien wie Ananasleder, Kaktusleder oder Pilzleder. Für Teppiche liebe ich Bambus und botanische Seide, weil sie weich, glänzend und elegant sind. Meine gestalterische Haltung: Vegan und nachhaltig darf glamourös wirken, nicht wie eine langweilige Ökodbude. Ich breche mit diesem Klischee und schaffe luxuriösen, bewussten Wohnraum.

Warum ist das Thema gerade jetzt relevant? Beobachtest du eine veränderte Nachfrage oder ein wachsendes Bewusstsein bei deinen Kund:innen?

Letztes Jahr habe ich ein Mentoring absolviert, das meine Ausrichtung, Zielgruppe und Nische verschärft hat. Nachhaltigkeit ist ein wachsendes Thema, während der Vegan-Hype nachlässt. Übrig bleiben die Veganer:innen aus Überzeugung. Wer sich mit Nachhaltigkeit auseinandersetzt, landet schnell bei veganen Ansätzen. In Deutschland hinken wir da etwas hinterher; als vegane Innenarchitektin sehe ich mich als Vorreiterin. Vegane Projekte tauchen vereinzelt in der Presse auf, sind aber immer noch die Ausnahme in der Innenarchitektur.

Mit welchen Materialien arbeitest du besonders gerne und worauf achtest du in Bezug auf Herkunft, Verarbeitung und Lebenszyklus? Gibt es innovative Alternativen, die dich derzeit besonders überzeugen?

Klassiker wie Baumwolle, Leinen sowie Sisal- oder Juteteppiche nutze ich häufig. Neu entdeckt habe ich Seide aus Bambusfasern für Teppiche, die weich ist und großes Potenzial hat und die ich bald im Eigenversuch einsetze. Ich achte streng auf europäische Herkunft: getestete Qualität, faire Verarbeitung und einen langlebigen Lebenszyklus. So entsteht bewusster Luxus ohne Kompromisse.

Viele pflanzliche Lederalternativen und andere innovative, vegane Materialien stehen noch am Anfang ihrer Entwicklung. Wo siehst du Potenziale, aber auch Grenzen oder kritische Aspekte, etwa in Bezug auf Haltbarkeit oder Recyclingfähigkeit?

Pflanzliche Lederalternativen wie Ananas- oder Kaktusleder finde ich hochspannend. Sie etablierten sich zunächst bei Schuhen und Taschen und erfüllen inzwischen auch im Wohnbereich höchste Ansprüche an Langlebigkeit. Positive Erfahrungen sprechen für bis zu zehn Jahre Haltbarkeit. Solange keine Kunststoffkerne (z. B. in Polsterungen oder Teppichen) verbaut werden, also die Materialien rein pflanzlich sind, sind sie hervorragend recycelbar. Das sehe ich als großes Potenzial.

Welche Rolle spielt Circular Design für dich und an welchen konkreten Hebeln lässt sich Kreislaufdenken im Interior Design wirksam umsetzen?

Circular Design ist für mich ein zentrales Thema, denn der Anblick globaler Abfallberge durch unseren Luxusmüll schockiert mich tief. Großflächige Möbelstoffe gewinnen als Füllungen, Schuhe oder Taschen ein zweites oder drittes Leben; nachhaltiges Holz lässt sich ebenfalls wunderbar wiederverwenden, pflanzliche Materialien letztendlich kompostieren. Firmen nehmen bereits Teppiche zurück, reinigen sie und nutzen diese anschließend für soziale Projekte. Das muss auch im privaten Bereich möglich werden. Bewusstes Zurückgeben statt Wegwerfen ist der Schlüssel.

Nachhaltigkeit beginnt oft bereits bei der Raumplanung. Welche Bedeutung haben für dich Aspekte wie flexible Nutzungskonzepte, Smart-Home-Lösungen, natürliche Belichtung, Energieeffizienz, durchdachte Lüftungskonzepte oder wohngesunde Materialien?

Wo ich Einfluss habe, etwa bei Neubauten in früher Zusammenarbeit mit Architekt:innen oder bei Totalrenovierungen, integriere ich diese Aspekte konsequent. Elegante, benutzerfreundliche Smart-Home-Lösungen ohne übermäßigen KI-Einsatz sollten sich nahtlos einfügen; die Raumnutzung orientiert sich an natürlicher Belichtung, mit Wohnräumen nach Süden und Schlafzimmern nach Norden. Ich setze auf ästhetisch integrierte Solarpaneele, moderne Lüftungssysteme, giftfreie Farben und Lacke sowie geöltes Parkett. Luftreinigende Pflanzen als Designobjekte, zum Beispiel Mooswände, runden das gesunde Raumklima ab, dosiert und nicht übertrieben.

Wie lassen sich Ästhetik und ethische Konsequenz miteinander verbinden? Gibt es so etwas wie einen „Look“ für nachhaltiges und veganes Interior, oder ist es eher eine Frage der Haltung als der Stilrichtung?

Jede vegane Innenarchitektin hat ihren individuellen Stil, genau wie nicht vegane Kolleginnen. Mein Ziel ist es, meinen etablierten ästhetischen Ansatz mit veganen Produkten umzusetzen. Das erfordert die Suche nach hochwertigen Alternativen, Nachfragen bei Hersteller:innen und den Dialog mit Designer:innen. So erweitere ich bewusst den Markt für vegane Produkte, ohne Kompromisse bei Eleganz oder Ethik einzugehen.

Was sind für dich klare No-Gos im Interior Design – ästhetisch wie auch ökologisch oder ethisch?

Absolute No-Gos sind Ledermöbel wie Sofas oder Stuhlbezüge. Auch der zunehmende Einsatz von Tropenhölzern schockiert mich. Ärmere Länder verkaufen ihre Wälder zum Überleben, und daran sollten wir uns nicht bereichern. Ästhetisch meide ich alles Billige oder Überladene, das ethische Standards verletzt.

Welche Herausforderungen und Hürden siehst du, wenn es um konsequent nachhaltiges und veganes Wohnen und Einrichten geht?

Vegane Materialien sind rar, teuer in der Herstellung und im deutschsprachigen Raum noch immer schwer beschaffbar, weshalb es intensive Recherche braucht. Innovative Alternativen sind aufwendig in der Skalierung, um Massenmärkte zu erreichen. Kund:innen wollen schöne Möbel, ohne auf Ästhetik zu verzichten. Genau hier kollidieren oft Wunsch und Verfügbarkeit.

Wenn du in die Zukunft blickst: Wie muss sich Interior Design in den kommenden zehn Jahren verändern, um wirklich regenerativ zu werden, statt nur weniger schädlich?

Hersteller müssen bewusster produzieren: kein Holz aus unsicheren oder nicht nachvollziehbaren Quellen mehr, tierfreie Kleber, ungiftige Lacke und Öle sowie plastikfreie Teppiche und Möbel. Bei Farben hat sich viel getan. Gesunde Varianten sind bei meiner Kundschaft Standard, doch begehrte Vinyl-Tapeten schaden weiterhin dem Raumklima. Gesetzliche Regelungen könnten hier unterstützen. Idealerweise etablieren Firmen Rücknahme-, Umarbeitungs- und Tauschsysteme. Das wäre ein echter Schritt in Richtung Regeneration.

> TiNA THiEL INTERIORS

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